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Interview mit Prof. Hubert Biedermann

Prof. BiedermannProf. Biedermann

"Industrie 4.0 leitet Renaissance der Instandhaltung ein"


Nicht mehr wettbewerbsfähig zu sein – dieses Schicksal attestiert der renommierte Universitäts-Professor Hubert Biedermann Unternehmen, die nicht vorzeitig in zukunftsorientierte Instandhaltung investieren. Wie man dieses Szenario abwendet, davon erzählt der Experte im BOOM-Interview.

 

Was ist der Schlüssel für erfolgreiche Instandhaltung?


Prof. Hubert Biedermann: Erfolgreich ist Instandhaltung dann, wenn sie sich den stetig ändernden Anforderungen des Marktes anpasst. Nur wenn Instandhaltungsmaßnahmen dynamisch erfolgen, können Betriebe dauerhaft reüssieren. In vielen Unternehmen herrscht diese Einstellung allerdings noch nicht vor – vor allem im traditionellen Anlagenbau orte ich hier massiven Aufholbedarf, da oft statische Instandhaltungsstrategien verfolgt werden. Moderne Betriebe ergreifen hingegen dynamische Maßnahmen, etwa abhängig vom Produktmix.
Am wichtigsten ist allerdings, endlich wahrzunehmen, dass Instandhaltung kein Kostenfaktor ist, sondern Wertschöpfung generiert. Hierfür ist Industrie 4.0 ein zusätzlicher Motor – dadurch wird das Bewusstsein, insbesondere in der Unternehmensleitung, für Instandhaltung geschaffen. Es leitet die Renaissance der Instandhaltung ein.

 

Welche Gefahrenquellen lauern diesbezüglich?


Prof. Hubert Biedermann: Die größte Gefahr besteht aktuell darin, den Zug der Zeit zu verschlafen. Viele arbeiten einzig und allein daran, nur den Status Quo aufrecht zu erhalten. Es wird keine zukunftsorientierte Instandhaltung implementiert – das Gespür für den Aufbau von Betriebsanlagen-Know-how fehlt dadurch. Das garantiert allerdings den künftigen Wettbewerbsvorteil gegenüber dem Mitbewerb. Das nicht zu erkennen, ist eine große Gefahrenquelle.

 

Was passiert, wenn aktuell keine moderne Instandhaltung implementiert wird?


Prof. Hubert Biedermann: Man ist vom Strukturwandel überrascht. Im schlimmsten Fall ist das Unternehmen mittelfristig mit den Produkten nicht mehr wettbewerbsfähig. Denn künftige Technologiefelder müssen ohne Betriebsanlagen-Know-how erschlossen werden – die Abhängigkeit vom Lieferanten steigt dadurch exponentiell. Auch die Produktqualität ist von fehlender moderner Instandhaltung maßgeblich betroffen – denn nur durch detailliertes Wissen über Prozesse kann höchste Qualität erreicht und kostengünstig produziert werden.  Viele Unternehmen haben dieses geschilderte Szenario bereits kennenlernen müssen – dafür gibt es genug Beispiele. Allerdings: Erst nach dieser Erkenntnis höhere Zuverlässigkeit und Verfügbarkeiten anzustreben, ist mit horrenden Kosten verbunden. Das Aufholen der Rückstände ist weitaus teurer, als von Beginn an zu antizipieren, dass Instandhaltung entscheidend ist.


 
Wie kann dauerhaft „Predicitive Maintenance“ erreicht werden?


Prof. Hubert Biedermann: Fortschrittliche Unternehmen machen aktuell erste zaghafte Versuche und lernen. Sie sammeln Daten, ermitteln Prozessverständnis der Anlagen, sorgen für adäquate Instandhaltungs- und IT-Unterstützung. Das Stichwort für den Anfang ist „Little Data“ – Unternehmen müssen zunächst damit experimentieren, bevor „Big Data“ ins Spiel kommt. Ein klassischer Fehler ist es, Statistiker einzustellen und Datenauswertung zu betreiben – das macht jedoch ohne Anlagen und Domänenwissen keinen Sinn. Das prozessnahe Wissen ist entscheidend. Klassische Zahlenfriedhöfe wie SAP gehören der Vergangenheit an – damit ist niemandem geholfen. Das Entscheidende ist: anfangen, anfangen, anfangen. Erst danach können Benchmarks – wie die internationale ISO-Norm 55.001 – dabei helfen zu erkennen, wo ich im internationalen Vergleich stehe.